Wortgottesfeier zu Maria2.0 auf dem Bebelplatz setzte Zeichen für eine Erneuerung der Kirche

Berlin Gottesdienst
Mit großem Transparent vertraten Anhängerinnen und Anhänger die Anliegen von Maria 2.0 vor der St. Hedwigs-Kathedrale. Foto: Walter Plümpe

Erzbischof Heiner Koch: „Wir müssen als Kirche zusammen bleiben, statt uns zu trennen.“

„Ein Riss geht durch die Kirche“, stellte Erzbischof Heiner Koch nüchtern fest. Er ging auf die Fragen der Teilnehmer/innen im Anschluss an die Wortgottesfeier auf dem Bebelplatz ein. Dabei skizzierte er einige Schwierigkeiten hin zum synodalen Weg angesichts einander widersprechender Erwartungen an die Kirche. So betonte er die wertschätzende Glaubenswahrheit von der unterschiedlichen Sicht auf Mann und Frau. Auch verlange der Blick auf die Weltkirche und die Ökumene mit den orthodoxen Kirchen Rücksichtnahmen. Wichtig sei, als Kirche zusammenzubleiben und sich nicht zu trennen.

Dem widersprach Barbara John vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) entschieden: „Mit solchen Abwiegelungs-Argumenten muss jetzt Schluss sein. So was können Frauen nicht länger mittragen.“ Juliane Link, Referentin in der Katholischen Studierendengemeinde Berlins, fand viel Beifall für ihr Statement: „Dass es kein geweihtes Frauenpriestertum gibt, schränkt die beruflichen Möglichkeiten und die Sichtbarkeit von Frauen in der Kirche erheblich ein.“ Viele Studentinnen hätten die Sehnsucht danach, Diakonin oder Priesterin zu werden. Diese könnten sie aber nicht leben. „Das schwächt uns Frauen, die wir hauptberuflich für die Kirche arbeiten.“

In ihrer täglichen Arbeit merke sie, dass es gerade für junge Akademikerinnen immer schwieriger sei, sich mit einer Kirche zu identifizieren, die von patriarchalen Strukturen geprägt ist und Frauen marginalisiert. „Das entspricht nicht mehr dem Selbstbild der Studentinnen von heute.“ Viele der Studentinnen wünschten sich eine Kirche, mit der sie sich als emanzipierte Frauen identifizieren könnten. Dass sich junge Frauen und Männer in Zukunft wieder mehr mit der Kirche solidarisierten, könne nur gelingen, „wenn das Lehramt zu einem neuen Frauenbild findet und Frauen die gleiche Verantwortung und Wirksamkeit zugesteht“.

Bettina Stein beklagte, dass das Geschlecht entscheidendes Kriterium für Ämter in der Kirche sei. Das Festhalten an der „Exklusivität des Weiheamtes“ geißelte sie als „klerikalen Machtmissbrauch“ gegen das Heilsversprechen Jesu in dieser existenzgefährdenden Krise.

Pfarrer P. Kalle Lenz SAC stellte Brüche zwischen dem Reich Gottes und dem real-existierenden Katholizismus fest. „Einige Sachen liegen schräg.“ So zitierte er einen Mitbruder mit den Worten: „Die Bischöfe sollen aufhören, so zu tun, als ob ihnen die Kirche gehöre.“ Die ganze Gemeinde sei gefordert. Weihnachten sei nicht das Fest der „Mann-Werdung“, sondern der „Mensch-Werdung“. Madeleine Delbrel habe gesagt: „Es ist nicht klug, wenn wir die Männer alleine lassen.“

Gertraud Tochtermann (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, kfd) beklagte, dass sich viele Hoffnungen des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht erfüllt hätten. Nur durch Veränderungen in der Kirche könne aus dem Mitgliederverlust ein Mitgliederzugewinn werden. Viele weitere Stimmen mahnten konkrete Veränderungen an. Es könne nicht angehen, dass „Schafe“ allein gelassen würden, nur weil keine männlichen Schafe voran gingen.

„Zeichen setzen“ war die Antwort vom Erzbischof auf die vielen Anregungen. „Auch wir in der Kirche pflegen nicht immer einen guten Stil. Wir müssen noch viel lernen.“ Er verwies auf die Berufung einiger Frauen in Leitungsämter des Generalvikariats und auf wieder steigende Priesterweihen. „Wir haben mehr Priesteramtskandidaten als das Bistum Münster.“

Konkrete Forderungen gab es zuvor bei der Wortgottesfeier auf dem Bebelplatz. Während des Regens – wie schon am 16. Mai – forderte Angelika Plümpe, theologische Begleiterin der kfd im Erzbistum Berlin: „Die unbiblische und menschenrechtswidrige Verweigerung der Gleichberechtigung gegenüber Frauen muss endlich beendet werden.“ Nur mit einer Ämteröffnung und voller Gleichberechtigung von Frauen in allen Funktionen werde es eine neue Glaubwürdigkeit für die römisch-katholische Kirche geben. „Eine Kirche, die zu den wichtigen Fragen und Themen gehört werden und glaubwürdig sein will, muss Geschlechtergerechtigkeit vorleben.“

Anne Borucki-Voss von Evas Arche ging in ihrer Ansprache auf die Erzählung von der Heilung der Tochter der Syrophönizierin ein. Man könne dieser Bibelstelle auch eine andere Überschrift geben. Die Frau, die Jesus belehrte. Dieser Perspektivwechsel machte ihr Mut, mit guten Argumenten Veränderungen zu bewirken: Begegnungen auf Augenhöhe mit Amtsträgern in der katholischen Kirche. „Dass Argumente ausgetauscht werden und nicht von vorneherein feststeht, wer Recht hat.“ Und wenn Jesus lernfähig sei, sollte auch die Kirche lernfähig sein, sich verwandeln zu lassen von Frauen, die anfragen, ob alle Regelungen denn wirklich im Sinne des Evangeliums sind.

In den Fürbitten wurde der Geist Gottes erbeten für die, die eine neue Ehe eingegangen sind, die einen Menschen gleichen Geschlechts lieben, die sich nicht in einem binären Geschlechtermodell oder in einer heteronormativen Lebensweise wiederfinden, die den Ruf zur Priesterin gehört haben und deren Berufung nicht gehört wird, die sich für Veränderungen einsetzen. Der trotz Regens gut besuchte Gottesdienst endete mit dem Segen Gottes, „den wir Vater, Sohn und Heilige Geistkraft nennen“.
Walter Plümpe.